Es gibt vielerlei Straftaten, von ganz harmlosen bis zu Schwerverbrechen, aber sexueller Missbrauch von Kindern hat immer einen besonders bestürzenden Beigeschmack, wenn z.B. in den Medien davon berichtet wird. Die Gründe hierfür sind durchaus naheliegend und nachvollziehbar. Zunächst mal sind Kinder je nach Alter weitgehend wehrlos, zumindest wird ihre relative Schutzlosigkeit und Unwissenheit ausgenutzt. Sexueller Missbrauch von Kindern hat schon allein wegen dieser gewissenlosen Ausnutzung einer Überlegenheit zu Recht einen besonders schlechten Ruf, doch eine wichtige Rolle spielt auch der tiefgreifende psychische Schaden (neben dem körperlichen Übergriff), den sexueller Missbrauch immer hinterlässt. In der Regel haben die Betroffenen ihr Leben lang mehr oder weniger schwer mit der Verarbeitung des Traumas zu tun und dies betrifft nicht nur das Sexualverhalten, sondern auch das Verhalten in der Familie.
Warum wirkt sich sexueller Missbrauch der Kinder später in deren Familienverhalten aus? Weil die Täter sehr häufig aus der Familie oder zumindest aus dem familiären Umfeld, also der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis kommen. Die Familie, in der wir aufwachsen, ist unser körperlicher und emotionaler Hort der Sicherheit und Geborgenheit. Hier erfährt jeder das, was bisweilen als Urvertrauen bezeichnet wird. Die Bildung des Urvertrauens in der Familie vor allem in den ersten Jahren spielt eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Psyche, für unser Selbstvertrauen und das Vertrauen generell in andere Menschen. Dieses Vertrauen wird tief enttäuscht, wenn sexueller Missbrauch an Kindern verübt wird. In der Folge sind die Opfer später nur schwer bindungsfähig, was das Eingehen von Beziehungen und das Gründen einer eigenen Familie erschwert. Man muss kein Psychologe sein, um die Gründe zu verstehen, wenn jemand als Kind sexuell missbraucht wurde.
Häufig haben die Täter selbst sexuellen Missbrauch erfahren. Die Kinder werden zu Tätern, weil sie selbst ihr eigenes Trauma nicht verarbeitet haben und aufgrund weiterer Wesenmerkmale dies nur im Weitergeben des eigenen Traumas, als aktive Täter ertragen können. Das erklärt das Verhalten der Täter, rechtfertigt es aber sicher noch nicht. Unabhängig von den Gründen sind die Täter zur Verantwortung zu ziehen, sexueller Missbrauch ist eine Straftat und nach den menschlichen Gesetzen zu bestrafen. Welche Strafe sexueller Missbrauch von Kindern nach sich ziehen sollte und ob bzw. inwieweit Gefängnis oder Therapie tatsächlich helfen, ist eine umstrittene Frage.